Texte zur Hypnosetherapie

       



                                                                                 Dr.med. J. Philip Zindel

                                                                            Eine Baustelle für's Leben ...

Beiträge zu Theorie und Praxis der Hypnosetherapie 

für medizinische und therapeutische Fachpersonen


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Zu meiner Erleichterung: Hier der zweite Teil der Verdauungsmetapher ...


     Prinzipien 3: Die Verdauungsmetapher 2                                                                        Text Nr. 25

Die Verdauungsmetapher… und ihre Implikationen für die Hypnose 2

Zugegeben, die Komplexität der seelischen Verwicklungen, wie sie in den Tiefen des Unbewussten wirken und weben, sieht sich in der Verdauungsmetapher in recht grober und vereinfachender Weise abgebildet. Zeichnen sich aber gute Metaphern nicht gerade dadurch aus, dass sie absichtlich Vieles offen lassen, die Intuition aber im Gegenzug anheizen und zu neuen, wegweisenden Ideen inspirieren?

So beschäftigt sich dieser zweite Text zur seelischen Verdauung mit einigen Implikationen dieser Metapher und versucht so, Akzente für unsere hypnosetherapeutische Arbeit zu setzen.

3. Allgemeine Implikationen und Überlegungen 

Sehen wir in einem ersten Schritt von der spezifischen Anwendung in der hypnotischen Arbeit ab, so können wir dank der Verdauungsmetapher einige zentrale, ganz allgemeine Aspekte des Umgangs mit Erlebnissen besser verstehen:


Kein Erlebnis entkommt der seelischen Verdauungsmühle

Verdaut werden müssen nicht nur die schwierigen Erfahrungen. Alles, was wir im Alltag erleben, die angenehmen wie die belastenden, die banalen wie die prägenden Erfahrungen, alles durchläuft den seelischen Verdauungsprozess. Genau gleich wie alles, was wir essen, im Darm verdaut wird.

Die einfachen Erlebnisse des Alltags verdauen sich von selbst, ohne Aufsehen zu erregen, und deren Abfall kommt zu einem automatischen, unbemerkten, meist nächtlichen, «seelischen Stuhlgang». Man nennt es «darüber schlafen». Da bedarf es keiner besonderen Vorkehrungen. Schwierigere Erfahrungen erfordern, wie wir sehen werden, gewisse Verdauungshilfsstrategien.

Verdauen ist ein natürlicher, von selbst laufender, unbewusster Prozess

Ein erfolgreicher Umgang mit Erlebnissen hängt nicht von Willensakten oder von einer richtigen Arbeitshaltung ab, sondern beruht grundsätzlich auf natürlichen, automatischen, unbewussten Vorgängen (Zerkleinern und Sortieren). Diese laufen definitionsgemäss von alleine ab, nach Gesetzen der Biologie, und setzen Ruhe und Sicherheit voraus. Sie dienen – genau entsprechend der körperlichen Verdauung ¬– der Erhaltung der psychischen Homöostase sowie der Möglichkeit von Entfaltung bzw. Entwicklung. 

Die «Kunst» der seelischen Verdauung besteht also nicht im Beherrschen irgendwelcher spezifischer Techniken, mit denen man Verdauung «macht», und die man lernen kann oder muss. Vielmehr besteht sie in der möglichst effektiven Unterstützung der natürlichen Prozesse. Erstes Gebot heisst also: Nicht stören und für Ruhe sorgen. Im Weiteren braucht es auch Zeit und Energie.


Verdauen setzt Geschütztsein voraus

Eine Kuh können Sie nur dann beim sichtbaren Teil der Verdauung, dem Wiederkäuen, beobachten, wenn rund um sie alles sicher ist. Dies ist beispielsweise gegeben, wenn sie im Stall oder in der Herde aufgehoben ist. Im Gegensatz dazu muss das Grasen auf freier Wiese relativ hastig geschehen, ist doch die Kuh dann – zumindest theoretisch – der Gefahr von potentiellen Raubtieren ausgesetzt. Auch wenn es die Bären und Wölfe in der modernen Wirklichkeit nicht auf sie abgesehen haben, im archetypischen Kopfkino unserer Kuh drohen sie weiter und jagen sie ständig.

Nicht anders ergeht es uns Menschen. Wir können nur dann verdauen, wenn wir nicht realen oder imaginären Bedrohungen ausgesetzt sind. Oft sind es unsere eigenen, unkontrollierten Emotionen und Gedanken, die uns jagen. Ohne zuerst einen mentalen, sicheren Ort in uns innen gefunden zu haben, kann keine Verdauung starten.


Die perfekte Wahl ist keine Garantie …

Eine noch so sorgfältige Auswahl der Nahrung kann uns nicht immer davor schützen, dass sich die Dinge nicht doch zum Üblen wenden: Wie ein nicht ganz legal ins Essen eingeschlichener Fisch oder ein undeklariertes Allergen unsere Verdauung zum Ausrasten bringen können, so kann auch die sorgfältigst vorbereitete Reise wegen unangekündigten Streiks oder Überschwemmungen zum Flop oder gar zum Albtraum werden… In beiden Fällen reagiert dann die Verdauung mit heftigen und spektakulären Aufwallungen, die Därme winden sich und toben. Und das einzige Rezept heisst: Ruhe wiederherstellen und Kreativität wirken lassen.


Wenn das Verdauen Unterstützung braucht – zuerst von innen …

Stark belastende Erfahrungen wie Schocks oder zwischenmenschliche Verletzungen können die normalen Verdauungsprozesse überfordern. Diese brauchen dann Unterstützung. Am besten natürlich, und wenn möglich, von der Person selber. Da ist «Disziplin» im weitesten Sinn und auf verschiedenen Ebenen gefragt: Geduld, gelassenes Aushalten, regelmässige Üben der Selbsthypnose oder Meditation, konsequentes Abwehren von Störungen von aussen (Umweltstress) oder von innen (negative, kreisende Gedanken), Erkennen und Korrigieren von Opferhaltungen... Menschen mit einer solchen, guten Selbstfürsorge und mit soliden, inneren Ressourcen können dank einer solchen Disziplin auch recht schwierige Erlebnissen überwinden.

Selbstvorwürfe mit Kampf und Krampf wirken sich hingegen in aller Regel kontraproduktiv aus.


… und wenn nötig auch von aussen

Wer es hingegen aus innerer Kraft nicht alleine schaffen kann, ist auf Hilfe von anderen Menschen angewiesen. Deren vordringlichste Aufgabe besteht darin, den notwendigen psychischen Rahmen von Ruhe, Sicherheit und Wärme aufzustellen. Dies kann am Naheliegendsten eine innige, liebende Beziehung tun, im verständnisvollen Zusammensein, in Gesprächen oder auch im Schweigen. Auch eine Gemeinschaft oder ein gesellschaftlich-religiöser Kontext kann mit seinen Ritualen, Traditionen und überliefertem Wissen diesen Halt sicherstellen.

Die jüdische Tradition beispielsweise schreibt für das Trauern um einen Verstorbenen feste Regeln und Rituale vor, in denen die Gemeinschaft auf mehreren Ebenen für Schutz und Geborgenheit sorgt: Die ersten sieben Tage lang verlassen die trauernden Angehörigen ihr Zuhause nicht, werden dabei von Freunden und Nachbarn intensiv umsorgt und gleichzeitig von der Aussenwelt abgeschirmt und geschützt. So werden Gäste, die zwar wie in einem «open house» willkommen sind, angehalten, schweigend zu warten, bis sie allenfalls von einem Trauernden angesprochen werden. Dies garantiert Schutz vor aufdringlichem Geschwätz und sichert die nötige Ruhe und Konzentration nach innen.

Eine in unserer Kultur zunehmende Verarmung hinsichtlich der natürlichen sozialen Strukturen, der Pflege persönlicher Verantwortung und eines spirituellen Konsenses führt wohl dazu, dass Hilfestellungen durch professionelle Leistungserbringer zunehmend an Bedeutung gewinnen, mit allen Vor- und Nachteilen.

4. Die Hypnose schafft den idealen Rahmen

Die der Hypnose eigene, ganz besondere Beziehungsqualität bietet, betrachtet man die erwähnten Kriterien, einen quasi perfekten Rahmen für die seelische Verdauung:


Ruhe

Wie wir sahen, wo Eile und Stress herrschen, wird nicht verdaut. Als Erstes ist also die Ruhigstellung des gesamten Organismus unabdingbar. Genau damit beginnt in aller Regel auch eine klassische Hypnosesitzung: mit Suggestionen von Entspannung und dann eines «Safe-places». Auf diese Weise laden wir den Patienten ein, sich in den Zustand der glückselig vor sich hin träumenden, wiederkäuenden Kuh gleiten zu lassen.

Schutz

Keine Verdauung, ohne sich geschützt zu fühlen, und… genau gleich: ohne sich geschützt zu fühlen, keine Hypnose. Mit anderen Worten, hat sich jemand in die hypnotische Situation eingelassen, so ist das Gefühl des Geschütztseins als Grundvoraussetzung für die Verdauung erfüllt. Hier spielt also der Hypnosetherapeut die Rolle des Garanten von Sicherheit, wie es für die Kuh die Herde, bzw. das schützende Leittier tut. Diese kann er aber nur gewährleisten, wenn auch er sich gleichzeitig selber authentisch ruhig und sicher fühlt.


Abstinenz

Es muss aber für den Patienten absolut sichergestellt sein, dass der Hypnosetherapeut in seiner Arbeit keine eigenen Ziele (narzisstische Erfolgswünsche o.ä.…) verfolgt. Es dürfen keine Zweifel bestehen, dass er wirklich nur in seinem Dienst wirkt. Diese unerlässliche Haltung bezeichnet man als therapeutische Abstinenz. Nur unter dieser Voraussetzung kann sich der Patient einer wirklich widerstandslosen Ruhe im Schutz des Hypnosetherapeuten hingeben.


Wärme

Eine wirksame hypnotische Beziehung stellt nicht nur Schutz auf, sondern sie bringt auch menschliche Wärme in die therapeutische Atmosphäre. Ein Hypnosetherapeut ist also nicht nur ein kalter aber zuverlässiger «Wachsoldat». Er geht auf den Patienten mit Hinwendung zu. Die treffendste Bezeichnung für diese Form von Beziehung ist der «Brutkasten»: In seiner Wärme brüten sich nicht nur die noch verschlossenen «Ressourceneier» aus, gleichzeitig kommt auch die seelische «Peristaltik¬» in Gang – es gibt also Bewegung. Und schliesslich aktiviert er vielleicht auch das psychische «Mikrobiom»… was auch immer darunter zu verstehen ist.

5. Eine kleine Gedankenspielerei zu verschiedenen seelischen Verdauungsstörungen…

Vom seelischen Durchfall

Blitzschnell fällt er über einen her, überrumpelt sein Opfer und duldet null Verzögerung. Rasant und unkontrollierbar muss alles aufs Mal herausschiessen, formlos, unverdaut, verdünnt, und… stinkend. Da bleibt keine Sekunde für Erwägen, Sortieren, schon gar nicht um etwas zu Assimilieren. So ergeht es den Emotionen von Menschen, die an akutem oder chronischem, seelischem Durchfall leiden. Ihre Gefühle und Meinungen plumpsen – ungestört von jeglichem Denken – unfiltriert, direkt an die Umwelt weiter, zudem meist in verwässerter Form, werden sofort rundherum zum Besten gegeben und kolportiert. Menschen mit dieser Störung sind nicht zu beneiden, denn sie vermögen das Wertvolle ihres Lebens nicht wirklich aufzunehmen und können daran auch nicht wachsen. Zudem schöpfen sie keine Kraft aus ihren Erlebnissen. Bei ihnen bleibt eigentlich alles blosse Verschwendung.

Nicht selten ist der seelische Durchfall ansteckend. Er wird dann zum «Kaskadendurchfall» und kann seinen Anfang, wie im folgenden Beispiel, nehmen: Da ist eine 92-jährigen Witwe, deren Gesundheit ebenso unverwüstlich ist wie ihre Reflexionsunfähigkeit. Alles dreht sich um sie, und sie gebietet über ihre Umwelt mit kompromisslosem Regiment, egal welche Folgen für wen entstehen. Dabei ist ihr kein Register unbekannt, und insbesondere kennt die Kunst des «double-bind» für sie keine Geheimnisse.

Ihre mittlerweile 50-jährige Tochter (der 48-jährige Sohn hat sich vor Jahren rechtzeitig gerettet) bleibt ihrer Mutti in einer unverbrüchlichen Hörigkeit zugetan, kennt sie doch seit zartester Kindheit nichts Anderes: Alles, was Mutti nicht passt, wird sogleich ihr angelastet. Als Fussabdruck davon wuchert in ihr eine ebenso tiefe wie chronische Unzufriedenheit.

Vor Jahren hat sie – mit welchem Glück auch immer (etwa von der Allmächtigen auserwählt?) – einen farblosen Bräutigam gefunden. Dieser hat sie geehelicht und mit ihr zwei Kinder gezeugt. Die Ehe funktioniert natürlich nicht ohne ständiges Gezänk, denn jetzt ist der Mann an allem schuld. Auch die Kinder werden in der Schule allmählich auffällig. In seiner Ohnmacht entwickelt der Mann eine immer offenere Depression. ¬

Weil nun seine Gattin unter dieser Stimmung leidet, spediert sie ihn zu einem jungen, dynamischen, sympathischen Therapeuten ihrer Wahl (oder war wieder die Schwiegermutter im Spiel?), wohin er sich denn auch ergeben und mit wenig Motivation begibt. 

Dort laufen die Dinge, obwohl sich der gute Therapeut alle erdenkliche Mühe gibt, auch nicht wirklich rund. Der Patient ist sichtlich unzufrieden. Die Hoffnungslosigkeit erfasst nun auch den Therapeuten, und er sucht Zuflucht in der Supervision. Hier ist die Distanz zum Ursprung des Problems gross genug, und endlich kann man in Ruhe über die diarrhöische Kaskade reflektieren: wie sie von der Schwiegermutter zur Ehefrau springt, von ihr zum Patienten, und schliesslich von da auf den Therapeuten. Immerhin, metaphorisch ist der Durchfall beim Therapeuten schon in einem Gefäss aufgefangen worden, gewissermassen in der Schüssel gelandet. Und nun kann beim Supervisor gespült werden…

Mit etwas Glück kann von nun an der therapeutische Prozess die Kaskadenleiter hinaufklettern, mit der Beruhigung beginnen, und somit der Verdauung eine Chance geben: Der Therapeut kann seine Ohnmacht besser aushalten, was den Patienten in einer gewissen Abgrenzungsfähigkeit stärkt. Im Gefolge der zunehmend ruhigeren Stimmung zuhause findet auch die Ehefrau eine Möglichkeit, ihre Situation zu reflektieren (ich weiss nicht mehr, vielleicht hat sie sogar selber professionelle Hilfe aufgesucht). Über die Entwicklung des grossmütterlichen Imperiums wurde mir nichts bekannt. Welches Lebensgeheimnis sich aber hinter dem Verhalten der alten Frau versteckte, und um wie viele Generationen die wirkliche, ursprüngliche Infektionsquelle zurücklag, bleibt vermutlich in den Sternen geschrieben.


Seelische Verstopfung?

Nicht ganz unbekannt ist auch das Gegenstück zur dünnflüssigen Verdauung: die harte, seelische Obstipation. Da bleibt alles verschanzt, will partout nicht raus, und gärt, und bläht, und krampft. In den seelischen Gedärmen herrscht strikte Streikstimmung. Nichts rührt sich. In der Tiefe ist es voll von unverdauten Dingen. Dort muss es entsetzlich stinken…

Nicht selten begegnet uns dieses Phänomen, in seiner chronifizierten Form, etwa bei den verstummten, vom Leben frustrierten Männern, die im Büro ohne jegliche Eigeninitiative, nur noch Stunde um Stunde, Jahr um Jahr absitzen. Oft ist für sie sogar der abendliche, bierfreudige Stammtisch irgendwann ausgetrocknet, und zuhause ziehen nur noch endlose Fussballspiele am Bildschirm vor ihren stumpfen Augen vorbei.

Beim andern Geschlecht zeigt sich das entsprechende Bild in einer etwas anderen Gestalt. Dort finden wir die unterwürfige, immer auf Wohltätigkeit bedachte Frau, die mit bedeutungsloser Freundlichkeit nie widersprechen wird. Ihre Beflissenheit lässt ihr keine Ruhe, bevor sie nicht viel mehr geleistet hat als nötig. Da wird auch nie geklagt, man hält endlos aus und findet alles so unglaublich entzückend. Doch nie ein herzhaftes Lachen.

Seelische Verstopfung ist ein Privileg von Menschen, für die jegliche authentische Seelenbewegung und jeder persönliche oder originelle Ausdruck instinktive Abscheu erregt. Und da in diesen «Därmen» weder etwas losgelassen noch etwas resorbiert wird, mangelt es genau gleich wie beim Durchfall an frischer Energiezufuhr und an wachsender Weisheit.

Ist die seelische Verstopfung bei einem Normalverdauer nur passagerer Natur – beispielsweise unter akutem Stress – dann kann eine gezielte hypnotische Intervention die Tätigkeit wieder ankurbeln. Oder konsequentes Üben von Selbsthypnose wird allgemein mehr Ruhe bringen. Vielleicht kann auch eine liebevoll und behutsam eingebrachte, therapeutische Provokation als «Glycerinzäpfchen» wirken.


Andere Verdauungsprobleme

Diese Spielerei liesse sich vermutlich auf die ganze Palette der Verdauungsunannehmlichkeiten ausweiten, seien es die Blähungen mit ihren peinlichen Eruptionen (die Freud’schen Fehlleistungen?), oder seien es die Nahrungsmittelallergien und Unverträglichkeiten (Idiosynkrasien und Phobien?) usw. Ihrer Phantasie und Ihrer Lust soll es überlassen sein, da weiterzuspinnen. 


6. Jetzt konkret: Wie können wir die Verdauungs- metapher einsetzen?

Leitlinien kommen aus der Natur

Mit dem Bild der Verdauung vor Augen – oder auch nur im Hinterkopf – behandeln wir unsere Patienten im wahrsten Sinn gemäss Leitlinien der Natur. Also rein Bio. Wir inspirieren uns dabei sogar von Leitlinien, die uns allen aus der persönlichen, täglichen Erfahrung am eigenen Leib seit je her vertraut sind. Sie zu befolgen erspart uns das Ungemach, wegen theoriebezogenen, oft wilden und für den Einzelfall realitätsfremden, akademischen «Leitlinien» etwas von einem Patienten abzuverlangen, das er nicht kann.


Entlastung für den Patienten

Auch für die Patienten bringt die Verdauungsmetapher – besonders der Aspekt des «seelischen Stuhlgangs» – Entlastung (darf man hier wohl sagen…). Der Umgang mit schwierigen Erlebnissen verliert seine Bedeutung eines langen und mühsamen Wühlens im Dreck – was viele Menschen instinktiv abschreckt und mit dem Wort «Verarbeiten» suggeriert wird. Im Gegenteil, es geht um Loswerden des Drecks – mit dem Ziel, das Brauchbare zu behalten. Immer noch muss man sich den ungelösten Problemen stellen, aber die Umstände werden humaner und natürlicher.

Die Verdauungsmetapher können wir dem Patienten entweder als eine Art «Psychoedukation» im Wachzustand erklären und so seine rationale Seite ansprechen. Oder wir erzählen sie ihm in der Hypnose wie eine Trancegeschichte mit farbigen Worten – ähnlich wie etwa die klassische Flussmetapher bei der Bauchhypnose. Dann kann er sich das alles ganz lebensnah vorstellen.


Die gute alte «Leerhypnose»

Eine ganz praktische Umsetzung der Verdauungsmetapher ist die gute alte «Leerhypnose». In meinen Anfängen war sie sehr beliebt, verlor aber ihre Attraktivität unter dem Einfluss der modernen, auf Kreativität erpichten Hypnose. Es ging dabei um eine rudimentäre Form von Hypnose, die aus einer äusserst simplen Induktion bestand (etwa im Stil von: «Sie sinken jetzt immer tiefer in Hypnose… immer tiieffer… immer tiiieffer und tiiefferrr… in einen Zustand von völliger Entspannung…»), gefolgt von einer gewissen Verweilzeit in diesem Zustand ¬– ohne weitere Suggestionen – um schliesslich in der Regel mit einem Rückwärtszählen beendet zu werden (« Ich zähle jetzt von 10 bis 1 zurück…bei jeder Zahl werden Sie wieder wacher und wacher (crescendo).»). Nichts Kreatives dabei, aber eine gute Voraussetzung, um zu verdauen, was es zu verdauen gibt. Und sie funktionierte häufig erstaunlich gut, einfach weil sie Ruhe einführte.

7. Ein philosophisches Augenzwinkern

Betrachten wir die conditio humana aus der Perspektive der Verdauungsmetapher, so ergibt sich ein eigentümliches, dynamisches Menschenbild. Die Psyche ist nicht mehr ein Sack voll von Erlebnissen, der sich im Laufe des Lebens füllt und füllt, und immer dicker und schwerer wird. Wäre dem so, würden wir mit zunehmendem Alter psychisch unausweichlich immer schwerfälliger und unbeweglicher. Dem widerspricht die zunehmende Leichtigkeit, die das Alter mit wachsender Weisheit erfüllt. Im Leben geht es nicht um ein Ansammeln und Horten von Erlebnissen und Erinnerungen. Das Seelenleben erscheint hier als ein metabolischer Prozess, durch den wir uns ständig erneuern. Das individuelle «Ich» – also das, was mein Denken, Fühlen usw. von dem anderer Menschen unterscheidet – ist gewissermassen nur das genetische Programm, nach welchem die unterschiedlichen Aspekte von Erlebnissen entweder aufgenommen oder freigegeben werden.

Dies nur als gedankliche Anregung und ja nicht als Dogma zu verstehen.





"Aus einem verzagten Arsch kann kein fröhlicher Furz kommen."

Martin Luther, Theologe und Reformator (1483-1546)


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