Dienen



Prinzipien 2: Dienen 1                                                                                                          Text Nr. 17







1. Das psychologische Hebelgesetz:

Wer will mehr?

Dem grossen Denker Archimedes verdanken wir, das physikalische Hebelgesetz in eine mathematische Formulierung gegossen zu haben. Seit Urzeiten aber wusste die Menschheit schon: Wo man den Hebel richtig ansetzt, lassen sich mit kleinstem Aufwand Berge bewegen und Pyramiden bauen. Ohne das Wissen der Menschen um die Hantierung dieses titanischen Naturgesetzes hätte auch Archimedes noch in einer engen, kalten Höhle hausen müssen...


Nicht weniger machtvoll und genauso universell, nur weniger bekannt (Google findet es nicht...) ist das andere Hebelgesetz, das psychologische Hebelgesetz. In einfachster, präziser Form ausgedrückt besagt es:

„Wer weniger vom Anderen will, sitzt am längeren Hebel. Und umgekehrt.“

Dieses Naturgesetz waltet unweigerlich und gnadenlos, wo zwei Menschen irgendetwas voneinander wollen. Ganz einfach: Es reicht, vom Gegenüber weniger zu wollen als es, und schon ist man an der Macht, und man kann den Lauf der Dinge steuern. Umgekehrt, wenn der Andere weniger will, wird einem die eigene Begierde, das innere Drängen sofort zum Verhängnis. Bei geschicktem Einsatz lassen sich also mit diesem Hebelgesetz auch Berge versetzen... auf zwischenmenschlicher Ebene. Beim „weniger Wollen“ geht es hier nicht in erster Linie um die angestrebte Menge des Gewollten als um die Intensität des Wollens, oder des Verlangens, des Eifers, des Drängens.

Am längeren Hebel sitzen heisst auch, einen grösseren Abstand zum Angelpunkt einnehmen. Denn wer Hörner voran im Kampf steckt (das ist in der Regel der, der mehr will), hat weniger Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, als der, der mit distanzierter Betrachtung und aus dem Überblick heraus handeln kann.


     Wo zeigt sich das psychologische Hebelgesetz? Überall, wo wir hinschauen ...

Im Geschäft...

Ich brauche unbedingt noch Tomaten für den Sugo, den ich meiner Frau für das Abendessen versprochen habe. Noch kurz vor Schliessung eile ich auf den Markt, wo man erfreulicherweise noch über die Preise verhandeln kann. Glück habe ich, wenn mein Gemüsehändler einen schlechten Tag hatte und er froh um jede verkaufte Tomate ist. Dann bestimme ich den Preis. Ist hingegen sein Geschäft heute gut gelaufen, so bleibt mir nichts anders übrig, als mich seinem Preisdiktat zu beugen, um seine letzten Tomaten mit nach Hause zu nehmen ...


Auf der Parkbank ...

Da sitzt beim Eindunkeln ein augenscheinlich verliebtes Teenager-Pärchen auf der Bank, innig umschlungen, behütet im Schatten einer Linde, in einem versteckten Winkel des Stadtparks, und alles sieht auf den ersten Blick sehr romantisch aus. Doch ein näheres, indiskretes Hinschauen lässt erkennen, dass der Eine von beiden („Eins“) sein Augenspiel merklich schmachtender in die Augen des angebeteten Andern („Zwei“) versenkt, und dass seine Umarmung mit weit stürmischerer Inbrunst um Liebesgunst wirbt als umgekehrt. Mimik und Gestik von „Zwei“ verraten dagegen, dass für „Eins“ alles nicht ganz so einfach sein wird. Je mehr die Avancen von „Eins“ an Heftigkeit zunehmen, desto stoischer zeigt sich „Zwei“, und wir fragen: Wer von diesem Pärchen bestimmt – und wird es auch in Zukunft tun – was in dieser Liebesgeschichte geschehen wird und was nicht? Die einzige Möglichkeit für „Eins“, die Situation umzukehren, besteht darin, „Zwei“ zu eröffnen, dass er jetzt Schluss macht. Dann fliessen schnell, in verzweifelten Tränen getränkt, die anbetenden Blicke in die umgekehrte Richtung. Einzig und allein weil jetzt „Eins“ weniger von „Zwei“ will.


Familienleben ...

Auch das Leben einer Familie wird im Alltag vom psychologischen Hebelgesetz gnadenlos beherrscht. Schauen Sie sich ein Paar an, das sich die Haushaltarbeiten teilt. Wen wird man häufiger beim Staubsaugen sehen, wenn beide nicht gerade zufällig genau dieselbe Vorstellung von Sauberkeit haben? Oder: Klein Liam1  muss jetzt unbedingt und sofort „m&m“ haben: Vor der Kasse des Supermarkts liegt er Mutti zu Füssen und brüllt schamlos den ganzen Laden voll, sich dabei wie gefoltert auf dem Boden windend, sodass bald alle anwesenden Kundinnen die schreckliche Rabenmutter mit Kopfschütteln und bösen Blicken strafen. Wird es jetzt für Liam „m&m“ geben oder nicht? Das entscheidet zwangsläufig das unterschiedliche Mass an Schamtoleranz der beiden. Zuhause hingegen, in den vier sicheren Wänden, stehen Liams Chancen in diesem Seilziehen viel ungünstiger.

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Ich und mein Unbewusstes ...

Zuweilen kommt es zwischen mir und meinem eigenen, lieben Unbewussten zu heftigen Beziehungskisten, in denen ich das psychologische Hebelgesetz schmerzlich zu spüren bekomme. Wenn ich wieder einmal beim Schreiben um das passende Wort ringe, oder an einer nächsten glanzvollen Idee herumwürge... aber die Leitung zur Kreativität verstopft ist, so ist die Lage – das habe ich lernen müssen – eigentlich klar: Ich habe keine Chance. Mein Unbewusstes will weniger als ich. Vermutlich wird es mir schon früher oder später eine Inspiration schenken, doch erst dann, wenn es ihm passt. Mir bleibt nur übrig, sportlich aufzugeben und mir einzugestehen, dass die Blockade am längeren Hebel ist als mein kleines Ego, und dass das aktuelle Motto wieder einmal heisst: „Chillen statt Würgen!“


      Auch mit Patienten? Lassen Sie sich nicht aushebeln!

Als Arzt oder Therapeut müssen wir und wollen wir unsere Hilfe möglichst effektiv einsetzen. Zwischen Patient und Arzt aber gilt das psychologische Hebelgesetz genau gleich wie überall. Dies bedingt, dass wir erstens unseren therapeutischen Hebel am richtigen Ort ansetzen müssen, und zweitens dass wir uns den Hebelarm möglichst lang machen.


Der richtige Angelpunkt

Den Hebelarm richtig ansetzen bedeutet, den Angel- bzw. Drehpunkt gut aussuchen. Dabei gibt es zwei Aspekte zu berücksichtigen:

– Erstens muss ich die richtige Kommunikationsmethode mit dem Patienten auswählen. Der Patient muss mit meinem Denkansatz etwas anfangen können. Versuche ich beispielsweise ihn in eine gelehrte Psychoedukation einzubinden, versteht er aber nur die Hälfte davon, kann ich einen noch so langen Hebelarm ausgestreckt haben – sprich: noch so wenig von ihm wollen – es wird nicht viel fruchten. Desgleichen wenn ich einen hypnotischen Stil (autoritär, antiautoritär, direkt, indirekt...) wähle, der dem Patienten nicht entspricht: Er wird mir vielleicht geduldig zuhören und sich nachher enttäuscht fragen, ob das wohl Trance gewesen sei, oder ich werde schlimmstenfalls Kopfschütteln ernten.

– Zweitens ist es sicher günstiger, wenn ich am richtigen Problem arbeite. Gerade, wenn es um die Psyche geht, ist Therapie häufig ein Versteckspiel. Hinter jedem Symptom verbirgt sich etwas Unsichtbares, nicht selten etwas Überraschendes. Definitionsgemäss steckt ja in einem Symptom ursprünglich immer ein völlig legitimes Anliegen, das aber wegen Nichterfüllung eine pervertierte Form angenommen hat. Wenn wir also in der Hypnosetherapie nur am Symptom arbeiten, arbeiten wir nicht immer am Problem. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass wir zugleich auch den Hintergrund treffen. Dann hatten der Patient und ich Glück. Weit häufiger müssen wir aber einen oder gar mehrere Vorhänge beiseite schieben, bis sich der Kern zeigt. Erst dann haben wir den richtigen Angelpunkt gefunden, an dem sich die Dinge ändern lassen. Den zu suchen ist die Aufgabe des Therapeuten.


Der längere Hebelarm

Dann muss ich noch meinen therapeutischen Hebelarm lang machen. Die Metapher des „Hebelarms“ trifft die Situation auf verschiedenen Ebenen erstaunlich präzise:

– Je länger mein Hebelarm wird, desto mehr Abstand habe ich zum Angelpunkt. Dieser Abstand erlaubt mir eine Betrachtung der Dinge mit einem breiteren Überblick als aus der Nähe.

– Zudem kann ich aus der Ferne viel subtiler und intensiver wirken als aus der Nähe. Meine Wirkung ist feiner, diskreter, und ist deswegen dem bewussten Widerstand des Patienten viel weniger ausgesetzt, und somit effektiver. Möglichst nichts wollend enthalte ich mich auch von Erwartungen, die eigentlich keinen Sinn machen, wie die, eine „gute“ Hypnose machen zu wollen (das kann allenfalls nur der Patient), oder die, eine möglichst „schlagende“ Suggestion oder Metapher zu finden.

– Ohne eigene, innere Distanz zum Problem des Patienten laufe ich Gefahr, mich von dessen Gefühlspotential persönlich einnehmen zu lassen, und in das Ungelöste meiner eigenen Geschichte verstrickt zu werden. Dies würde mich aber handlungsunfähig machen. Ein genügender Abstand vom Angelpunkt ermöglicht mir die unerlässliche Sicherheit, die vor allem der Patient unbedingt braucht, um sich mit mir geschützt fühlen zu können.

– Die hier diskutierte Distanz hat nichts mit Gleichgültigkeit oder Unberührbarkeit zu tun. Im Gegenteil. Der Hebelarm – wirklich wie ein lebendiger Arm – vereint mich als solide Verbindung fest mit dem Patienten und hält uns mit grosser Kraft zusammen. Er muss in jedem Fall so stabil sein, dass er das Gewicht des Problems des Patienten zu tragen mag, auch auf Distanz. Der Stoff, aus dem dieser Hebelarm besteht, ist Beziehung, gegenseitige Präsenz, Standfestigkeit, gegenseitiges Vertrauen und Wille zu Kontakt. Lasse ich die Distanz zu gross werden, und wird damit der Hebelarm zu lange im Verhältnis zu seiner Bruchfestigkeit. Dann kann er einknicken. Ein gebrochener Hebelarm ist kein Hebel mehr.


Wann sind wir am kürzeren Hebel?

Nicht immer wollen Arzt und Patient genau dasselbe, auch wenn die offizielle Auftragslage scheinbar klar und einfach aussieht. Für einen Patienten kann ein Symptom oder eine Krankheit eine Bedeutung haben, die er nicht einfach und sofort aufgeben kann. Oder er verfügt schlicht über die nötigen inneren Ressourcen nicht und kann daher keine Energie in den therapeutischen Prozess investieren. Dem Arzt hingegen kann es wichtig sein, einen schnellen Erfolg zu verbuchen, und sei es nur, damit er weiterhin an die Hypnose glaubt... Und schon geht das Ringen rund um das Hebelgesetz los... Setzt der Patient weniger Energie ein als der Therapeut, nützt diesem auch kein heroisches, therapeutisches Engagement, denn der vermeintliche Helfer befindet sich am kürzeren Hebel und somit im Abseits. Nur ein genügender Abstand von seinen Wünschen erlaubt dem Therapeuten, durch realistisches Einschätzen, was wie erreicht werden kann, seine Rolle zu erfüllen.

Am kürzeren Hebel stehen wir auch, wenn wir als Gegenüber beispielsweise einen Patienten haben, der offensichtlich zurücklehnt und uns mit dem Machen beauftragt („Bitte, Herr Doktor, Sie haben ja studiert, machen Sie, dass es mir gut geht.“), oder der uns im Unklaren über seinen Auftrag lässt und nicht wirklich mitarbeitet, sodass eigentlich wir an seiner Stelle strampeln. Solange wir da unbesehen mitmachen, können wir nicht viel ausrichten.

Als Erstes müssen wir merken, dass wir in einen Aktivismus geraten sind, und dass wir uns selber in einem gewissen Sinn zurücklehnen – oder besser gesagt: uns zurücknehmen –müssen. Dann erst können wir uns nämlich die Frage stellen: „Was will der Patient von mir, und was will ich von ihm?“ Und schnell wird klar, wie die Verhältnisse im Hebelgesetz stehen.


      Zwei Rettungsringe

Die Hypnose

Sollte ich einmal feststellen, dass ich mich als Therapeut wirklich an das kürzere Ende des Hebels habe manövrieren lassen, so bietet sich in der Regel eine wunderbare Lösung an: Ganz einfach zur Hypnose übergehen! Aus mehreren Gründen:

– Erstens stoppe ich damit eine argumentierende Diskussion mit dem Patienten und dadurch auch die Frage, wer Recht hat. Der Machtkampf ist ausgehebelt.

– Zweitens lade ich den Patienten mit der Hypnose ein, sich jetzt auf eine produktive Weise zurückzulehnen und seinem Unbewussten dadurch gute Chancen zu bieten, hilfreiche Ideen vorzubringen. So verschafft er sich wieder sich selbst gegenüber den längeren Hebelarm.

– Ist der Patient einmal in Trance gegangen, werde ich als Person für ihn definitionsgemäss völlig unwichtig. Er ist dann ganz mit seinen inneren Bildern beschäftigt, und meine Anregungen bzw. Suggestionen kommen bei ihm ganz unpersönlich an. So gesehen hebelt die Hypnose automatisch das psychologische Hebelgesetz aus.


Das konsequente, interaktive Explorieren!

Wir sahen in früheren Texten zum Thema „Explorieren“, dass die explorierende Grundhaltung in jeder therapeutischen Begegnung eine konstruktive Entspannung der Beziehung mit sich bringt. Die therapeutische Energie wird beim Explorieren nicht mehr auf die Auseinandersetzung zwischen zwei Menschen mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Wünschen gerichtet, sondern direkt auf den therapeutischen Prozess und auf die Suche nach Ressourcen. Wiederum wird durch die Einnahme dieser Haltung das psychologische Hebelgesetz ausgehebelt, indem Patient und Therapeut nicht mehr etwas voneinander wollen, sondern etwas miteinander wollen.


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s. Diskussionsbeitrag vom 29.11. und 01.12.2018  (Home-> Diskussion)