Der Brutkasten



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Brutkasten

Text 29


Die Metapher des Brutkastens

Heute lade ich Sie ein, für die Dauer einer kurzen Selbsthypnose in eine besonders behagliche Metapher einzutauchen. Wenn Sie die Augen schliessen (nicht jetzt gleich, natürlich, aber später…), entsteht sofort rund um Sie herum ein völlig anders gearteter, formloser und unbegrenzt weiter Raum. Lassen Sie jetzt dort hinein einen Patienten, der in einer wohligen Hypnose in sich versunken ist, dazukommen. Dann ziehen Sie über diesen gemeinsamen Raum eine Art Hülle, vielleicht etwas wie ein unsichtbares Zelt, und füllen Sie ihn mit Zeitlosigkeit und mit behaglicher Wärme.

Dann stellen Sie sich vor, es liegen irgendwo in der Tiefe des Patienten, in einer verborgenen Ecke versteckt, einige noch unausgebrütete Eier, deren Existenz Sie aber vielleicht nur erahnen. Grosse, kleine, weisse und bunte, mit harten Schalen oder nur mit einer dünnen Membran. Sie warten – niemand weiss, wie lange schon – auf etwas, das sie erwecken wird. Sie selbst, und auch Ihr Patient, können nicht ausmachen, wie viele sie an der Zahl sind. Keine grössere Ahnung haben Sie, was in ihnen schlummert. Warten da zukünftige Kanarienvögel, Hühnerküken, Strausse, Schlangen, oder wird es gar Krokodile oder Dinosaurier daraus geben? Erst wenn sich die Eier zum richtigen Zeitpunkt ganz von selbst, von innen her, öffnen, erst dann werden sie sich Ihrem Blick offenbaren. Erst dann dürfen Sie staunend dabei sein. Achtung, es braucht je nach dem viel Zeit und Geduld. Ja nicht einer übereilten Neugier nachgeben und versuchen, die Schale von aussen aufklopfen zu wollen!

Der Brutkasten

Dieser wärmende, gemeinsam aufgespannte Raum, der ganz dem Brüten gewidmet ist, entspricht in seiner Wirkung und Funktion genau einem Brutkasten: Erstens schützt er seinen fragilen Inhalt, und zweitens ermöglicht seine Wärme lebenswichtige Reifungen. Im Unterschied zu Brutkästen der Geflügelindustrie oder der Neonatologie ist seine Struktur nicht aus solidem Material gebaut, und er bezieht seine Energie nicht aus der Steckdose. Unser subtiler, hypnotischer Brutkasten besteht aus einer einzigartigen Form von Beziehungsfeld, die sich durch die hypnotische Konstellation ergibt, und auch seine Energie bezieht er daraus.

In seiner äusseren Gestalt besteht dieser Brutkasten aus zwei Personen: Aus einem diskret aktiv wirkenden Therapeuten, der beschützend und sehr zugewandt nahe seinem Gegenüber sitzt, und aus einem Patienten, der sich passiv, in sichtbar zutraulicher Entspanntheit dem Schutz seines Gegenübers anvertraut. Schon von aussen fällt die starke Intimität ins Auge, die aber eigenartig asymmetrisch ist: Der Eine schützt den Andern, aber nicht umgekehrt. Wovor muss denn geschützt werden? Einerseits muss der Patient vor äusseren Störungen abgeschirmt, aber auch vor seinen eigenen, selbstdestruktiven Impulsen geschützt werden, die ihn in eine möglicherweise destabilisierende Orientierungslosigkeit stürzen könnten. Die fundamentale Aufgabe des Therapeuten beruht genau in dieser Schutzfunktion.

Im Innern dieses Brutkastens herrscht eine wohltemperierte Wärme, nicht zu wenig – da würde nämlich nichts geschehen – und nicht zu viel – dann würde der Brutkasten zum Eierkocher. Diese ideale Temperatur herzustellen ist interessanterweise nicht einseitig Aufgabe des Therapeuten. Diese Wärme entsteht durch ein Resonanzphänomen der gegenseitigen Gefühle, das für die hypnotische Situation charakteristisch ist: Der Therapeut bietet seine bedingungslose Akzeptanz und sein selbstloses Interesse für die Person des Patienten an. Seinerseits antwortet der Patient auf diese Einladung mit einem sehr weitreichenden Zutrauen. Er gibt allmählich seine wichtigsten Abwehr- und Kontrollsysteme auf, insbesondere diejenigen, die dem Therapeuten und seinen Interventionen gegenüber gelten. Mehr noch, er verzichtet fast gänzlich auf seine eigene, bewusste Selbstkontrolle. Er weiss, er kann sich auf die wärmende und sichernde Haltung seines Therapeuten verlassen. So darf er sich die Freiheit nehmen, die Interventionen auf eine eigene und unbewusste Art zu interpretieren, und sie dann in seine Welt einzubauen. In dieser Weise entsteht diese starke, gegenseitige Intimität, die uns schon von aussen beeindruckt hat: Eine verschmelzende Beziehung, vergleichbar mit der zwischen einer Mutter und ihrem Kleinkind.

Aufgehoben in dieser maximalen zwischenmenschlichen Wärme kann der Patient den Mut finden, sich in weitgehend unbekannte Räume seiner eigenen Innenwelt vorzuwagen. Dort kann er Reifungen nachholen, die in der Vergangenheit verpasst wurden. Die liegengebliebenen Eier können jetzt nachgebrütet werden.

Kein anderes, therapeutisches Setting bietet so viel Wärme und somit so viel Brutpotential wie die Hypnose. Wohl sind auch alle anderen, guten therapeutischen Beziehungen von einer wohlwollenden und respektvollen Haltung des Therapeuten geprägt. Doch die einmalig geartete Nähe in der Hypnose bietet eine noch viel innigere und sogar perfekt eingestellte Wärme für das Ausbrüten der Eier.

Und jetzt zu den Eiern …

Was sind diese Eier, die in geschütztem Rahmen ausgebrütet werden müssen? Sicher haben Sie es schon längst verstanden: Es muss sich um noch unentwickelte, unbewusste Ressourcen handeln – echte, unentdeckte Schätze. Ressourcen aber als Eier zu metaphorisieren, ist eine ungewöhnliche und interessante Sache. Ressourcen wären demnach eingekapseltes Leben – und so mehr oder weniger gut vor Zerstörung geschützt – aber unwirksam, solange es nicht durch vorsichtige, stille Wärme zur Entfaltung gebracht wird.

Die übliche Ressourcenarbeit mit Hypnose lehrt uns etwas Anderes. Da erfragen wir konkrete und bestehende Ressourcen des Patienten, um sie dann suggestiv in der Trance wieder zu «rekonstruieren». Wir ermitteln beispielsweise hilfreiche Personen im Umfeld oder in der Vergangenheit, Hobbies, prägende Ferienerinnerungen, Orte der Geborgenheit oder was es auch immer Schönes und Gutes gibt. Dabei handelt es sich um Arbeit mit bewussten Ressourcen. Auf diese Weise können aber höchstens bereits ausgebildete und bekannte Ressourcen reaktiviert und genutzt werden. Neues wird dabei kaum entdeckt. Diese Art vorzugehen soll hier nicht heruntergespielt werden, sie ist natürlich nicht wirkungslos. Sie kann beispielsweise einem Angstpatienten auf dem Zahnarztstuhl helfen (typischerweise anhand der Erinnerung an ein paradiesisches Stranderlebnis) eine für ihn – in seiner momentanen Not – undenkbare Fähigkeit, die Ruhe selbst sein zu können, in dieser Ressourcenhypnose wiederzufinden. Tieferliegende seelische Probleme hingegen, die eine längere Aufarbeitung erfordern, lassen sich mit bewussten Ressourcen von Strand oder Hobby meist nicht markant beeinflussen, höchstens vorübergehend lindern.

Aber daneben gibt es eben noch die latenten, bisher nicht entdeckten und noch nicht entwickelten Ressourcen. Ressourcen, die im Leben noch keine Chance hatten, sich zu zeigen und sich zu entfalten. In der Kindheit wurden sie vielleicht unterdrückt oder nie gesehen, oder sie gingen nach kurzem Erscheinen wieder verloren. Gerade solche Potentiale, liegengebliebene Reserven, eingekapselte Fähigkeiten, sind häufig gerade diejenigen, die es braucht, um grössere Lebensschwierigkeiten zu bewältigen.

Nun sind sie aber definitionsgemäss die grossen Unbekannten. Da wir sie weder kennen, noch wissen, wo sie stecken, oder welcher Gestalt sie sind, können wir auch nicht gezielt auf ihre Suche gehen. Mit den Bedingungen der Hypnose können wir aber einen Rahmen schaffen, in dem sich diese Potentiale «wohlfühlen», in welchem sie sich regen können, sich entpuppen, entfalten, um sich dann mit den entsprechenden Problemen lösungsorientiert zu «verkuppeln».

Solche schlummernden und noch nicht sichtbaren Kräfte wollen mit Vorsicht ausgebrütet werden. Gleich wie Eier erfordern sie einen umsichtigen Umgang und Schutz. Aus welchem Grund? Sie sind verschiedenerlei Gefahren ausgesetzt. Einerseits kann im Patienten eine Ungeduld lauern, die hastig nach Lösungen greifen will und so in Versuchung kommt, unreife Strategien anwenden zu wollen, die dann ins Leere laufen. Daneben können auch innere Entwertungsautomatismen und Angstreaktionen des Patienten aufkeimende Ressourcen verderben. Sie erkennen aufkommende, latente Ressourcen nicht als solche und drängen sie darum möglichst in Abseits, oder versuchen sogar, sie durch verbissene Disziplin zu vernichten. Der Brutkasten muss also dafür sorgen, dass die schlummernden Ressourcen in geschütztem Rahmen zu erkennbaren und brauchbaren Hilfen reifen können.

Auch von Seiten des Therapeuten können sich für die verborgenen Ressourcen gerne Gefahren einschleichen. Ahnt ein wohlmeinender Therapeut eine mögliche Ressource beim Patienten, und versucht er sie etwa durch voreilige Deutungen zu «entlarven», kann sich das verheerend auswirken – entsprechend dem Aufpicken oder Aufschlagen eines Eis, bevor es reif ist (dann taugt es höchstens noch für ein Spiegelei). Ebenso kommen pessimistische – wie auch allzu optimistische – Prognosen einem Zertreten von latenten Ressourcen gleich. Ausüben von Druck auf den therapeutischen Prozess, um ihn beschleunigen zu wollen, wirkt nur kontraproduktiv. Aus diesen Gründen ist eine sorgfältige Selbstdisziplin des Therapeuten, die «therapeutische Abstinenz», von grundlegender Bedeutung. Er muss aushalten können, dass sein Bedürfnis nach Orientierung im therapeutischen Prozess an sich legitim ist, aber oft nicht befriedigt werden kann, ohne die Entwicklung zu gefährden (Ohnehin ist fraglich, wie oft diese Orientierung nicht mehr Illusion als Wahrheit ist…). Eine auch längere Phase von Nicht-Wissen durchzustehen fällt leichter, wenn man immerhin sicher sein kann, dass der Brutkasten wirkt – falls Eier vorhanden sind…

Hinzu kommt, dass diese unerkannten Ressourcen auch etwas Unheimliches an sich haben. Sie künden nicht an, was sie anrichten werden. Einerseits können sie wohl, wie erhofft, von Anfang an eine glückliche Wirkung zeigen, sie können aber auch Angst und Bange machen. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Angstpatient, dessen grundlegende Funktionsweise in passiv-aggressivem Verhalten liegt, wird natürlich in empörten Schreck versetzt, wenn sich in ihm plötzlich aggressive Gefühle regen, die nach aktivem Ausdruck drängen. Für ihn ist dies gleichbedeutend mit purer Destruktion. Dieses Krokodilei muss sofort zerstört werden! Hier muss der Therapeut, bzw. der Brutkasten seine schützenden Hände über das Ausschlüpfen der Eier ausbreiten. Eine ruhige und akzeptierende Präsenz muss helfen, die entstehende Spannung auszuhalten und den ausschlüpfenden Ressourcen Zeit zu geben, ihre ausgereiftes Gesicht zu zeigen und ihre hilfreichen Kräfte zur Wirkung zu bringen.

Die hypnotische Trance als solche bringt noch zusätzlich ein wesentliches Element ein, das im Sinn des Brutkastens wirkt: Ihrem Wesen nach ist sie ein nicht-argumentierender Zustand (s. Text Nr. 15, die Schönwettermetapher) und trägt demzufolge schon allein dazu bei, die zertrampelnden Gegenargumentationen zum Schweigen zu bringen.

Die natürliche Brutzeit, auch wenn sie lange dauert, muss bedingungslos respektiert werden. Nicht voll ausgebrütete Ressourcen können, zu früh dem rauen Alltag ausgesetzt, daran zugrunde gehen. Zu früh eingesetzt, versagen sie und gehen dann verloren. Dies passiert typischerweise, wenn ein Therapeut Fortschritte, die ein Patient in einer Hypnose begonnen hat zu machen, überschätzt und irgendeine, auch leise Form von Druck ausübt (z.B. «Sie können das jetzt doch…»). «Zeit lassen – geschehen lassen – fördern», ist die Zauberformel. Es macht auch keinen Sinn, die Temperatur des Brutkastens zu erhöhen, etwa indem man versucht, sich noch verständnisvoller, noch empathischer zu zeigen, oder noch lieber zum Patienten zu sein, um schnellere Fortschritte zu erzielen. Es geht darum, in der Hypnose die richtige, abstinente Wärme einzustellen und Zeitlosigkeit herrschen zu lassen.

Wissen wollen, wie hoch die Anzahl der Eier ist, die auf unseren Brutkasten warten, auch nur als Annäherung, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Sicher ist nur, dass in jedem Kind eine Fülle solcher Potentiale angelegt ist. Aber auch: Von Anfang an sind es nicht bei jedem gleich viele, leider. Nicht jeder Mensch verfügt über alle Ressourcen, die er in seinem Leben bräuchte, um es erfolgreich zu bemeistern. Manche Ressourcen kommen zum Tragen, andere werden immer fehlen. So lässt sich beim einzelnen Patienten nicht voraussagen, wie viele und welche Ressourcen sich in der Hypnose werden aktivieren lassen. Zudem wissen wir nicht, wenn eine Ressource auftaucht, welchen Einfluss sie auf das Problem haben wird, und ob überhaupt. So lässt sich beispielsweise bei vielen Zwangsstörungen mit Hypnose kaum eine nachhaltige Besserung der Symptomatik erzielen, doch die allgemeine Lebensqualität des Patienten kann sich trotzdem und überraschend, wie von alleine, massiv bessern. Kurz, wir können mit unserem Brutkasten einzig den Patienten mit Geduld und warmer Neugier begleiten, damit die vorhandenen Ressourcen zum Ausschlüpfen kommen.

Zusammenfassend

Die Brutkasten-Metapher stellt natürlich keine im üblichen Sinn wissenschaftliche Beschreibung psychologischer Vorgänge in der Hypnose dar. Nun bleibt die Frage ohnehin offen, was unter «wissenschaftlich» im Bereich der Psychologie und insbesondere des Unbewussten zu verstehen ist. Eigentlich haben wir es entweder mit mehr oder weniger metaphorisch formulierten Hypothesen zu tun («Unter-Bewusstsein», «Pyramide», «Schichten», «Topographie»…), oder wir können statistisch ausgewertete und graphisch dargestellte Resultate sehen, die aus Blackbox-Experimenten stammen: Ein Reiz wird am Eingang der Blackbox eingegeben, und es folgt am Ausgang eine Reaktion, mehr oder weniger häufig, aber messbar. Unsere Brutkasten-Metapher gestattet keinen genaueren Einblick in das Unbewusste, schlägt aber eine poetische Hypothese vor, was während einer Hypnose in der Blackbox vor sich geht. Mehr nicht. Immerhin bietet sie auf der praktischen Ebene eine fundierte Orientierungshilfe zu einer der wichtigsten therapeutischen Wirkungen der Hypnose. Als Metapher erhebt sie auch nicht den Anspruch, alles was Hypnose ist und kann, zu erklären. Aber sie entlastet uns – vor allem in schwierigen Situationen, wenn die Therapie zu einem Blindflug wird – das Aufkommen eines Ohnmachtsgefühls zu vermeiden. Sie ist Fundament für das Vertrauen, dass auch wenn nichts sichtbar wird, im Hintergrund etwas Heilsames geschieht.

Und zu guter Letzt

Die Brutkasten-Metapher kann aber auch mehr als nur dem Therapeuten als Orientierung in seiner hypnosetherapeutischen Arbeit dienen. Wir können sie auch als Trancebild für Hypnosen und Selbsthypnose nutzen. Warum sollen wir einem Patienten nicht vorschlagen, sich in Selbsthypnose vorstellen, er sei selber ein lebendiger Brutkasten für seine unbekannten Eier? Oder warum nicht auch einen Brutkasten um ein Symptom herum im Körper imaginieren, um dort möglicherweise schlafende Ressourceneier zu wecken? Voraussetzung für solche Ressourcenarbeit ist natürlich beim Patienten eine genügende Fähigkeit zur Selbstfürsorge, ausreichend Selbstvertrauen und Neugier. Ich überlasse es erst mal Ihrer Phantasie, alle möglichen, weiteren Varianten zu erdenken. Wer weiss, vielleicht ergibt sich auch einmal ein weiterer Blogtext dazu …



Nancy - Brutstätte der Hypnose