Texte zur Hypnosetherapie




Dr.med. J. Philip Zindel

Eine Baustelle für's Leben ...

Beiträge zu Theorie und Praxis der Hypnosetherapie

für medizinische und therapeutische Fachpersonen


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Neuester Text

"Aufgrund der aktuellen Situation ..." (Muss nicht, in unseren Tagen, jede glaubwürdige Mitteilung ungefähr so beginnen?) kam ich in den letzten Wochen weniger zum Schreiben als zum Räumen, Putzen, Gärtnern, Geniessen des schönen, freien Himmels usw. Doch jetzt geht es locker wieder los, und hier also ein neuer Text über eine faustdicke Selbsthypnosetechnik. Viel Spass!


Techniken 6: Die Faust Text Nr. 28


Eine Ich-stärkende Selbsthypnosetechnik mit Faust und Augenfixation


Diese einfache, standardisierte Selbsthypnosetechnik webt mehrere hypnoseinduzierende und Ich-stärkende Elemente zusammen. Besonders geeignet ist sie für Menschen, die mit ihrer Konzentration auf Kriegsfuss stehen oder sich im Stress verloren haben. Sie hat sich auch vielfach als Element in der Hypnosearbeit mit Rauchern bewährt. Wie jede Selbsthypnosetechnik kann sie natürlich als allgemeine Hypnoseinduktion dienen.

Der Ablauf in Stichworten

1. Die Faust machen

2. Einen Punkt auf der Faust fixieren

3. Lidschluss und Lösen der Faust

4. Die «ordnenden Kräfte» wahrnehmen

5. «Ruhe – Zuversicht - Mut»

6. Abschluss mit Strecken und Bewegen


Wie immer, wenn wir einem Patienten eine Selbsthypnosetechnik beibringen wollen – ausser beim Autogenen Training – beginnen wir damit, sie in der Sitzung als Hypnose durchzuspielen. Gleich danach besprechen wir mit ihm den Ablauf nochmals.


Die einzelnen Stationen

1. Die «Faust machen»

Wir eröffnen mit einer Frage an den Patienten: „Welche Faust benützen Sie, wenn es wieder einmal angesagt ist, auf den Tisch zu klopfen?“.

(Üblicherweise zeigt der Patient seine dominante Hand. Meist demonstriert er gleich automatisch diese Bewegung auf der Armlehne, zumindest ansatzweise, und nicht selten schaut er uns dabei ein wenig erstaunt an …)

Sogleich laden wir ihn ein, diese Faust jetzt so fest zusammenzudrücken, wie er es in einer Situation tun würde, in der er sich auflehnen muss.

(Es geht hier nicht um ein “Je fester zusammengedrückt, umso besser“. Die Faust soll vielmehr als – unbewusstes – kraftvolles Symbol seines Durchsetzungsvermögens wirken und so eine entsprechende Haltung in ihm aktivieren.)


2. Einen Punkt auf dieser Faust fixieren

Wir bitten ihn jetzt, diesen Arm zu erheben und die Faust in einer angenehmen Distanz vor sein Gesicht zu platzieren, so dass er sie bequem betrachten kann.

(Sein Arm schwebt jetzt in einer relativ unbequemen Haltung. Wir raten ihm sogar ausdrücklich, seinen Arm, wenn immer möglich, nicht auf der Armlehne aufzustützen. Dadurch wird das Halten der Faust vor dem Gesicht immer anstrengender und kann – ausser es ergibt sich zufällig eine Levitation – nicht beliebig lang ausgehalten werden. So füttern wir die Motivation, alle Spannungen endlich loszulassen.)

Als nächstes laden wir ihn ein, irgendeinen Punkt auf seiner Faust auszusuchen – vielleicht ein Fältchen oder einen Lichtreflex ¬– und seinen Blick darauf zu richten. Von nun an soll sein Blick keinen Millimeter von diesem Punkt abweichen. Es gilt, sich nur zu achten, dass die Augäpfel möglichst unbeweglich bleiben und sich dabei entspannen. Er soll neugierig beobachten, was sich in dieser Zeit bei seinen Lidern und in seinem Blickfeld entwickelt, ohne dabei etwas Besonderes zu erwarten: vermehrter Lidschlag, sich verengende Lidspalte, Augenbrennen, müder Blick, unscharf sehen, usw. ...

(Es handelt sich natürlich um nichts Anderes als um eine klassische Augenfixation – hier auf die eigene Faust. Sie wird hier allerdings permissiv und explorativ durchgeführt. Wenn der Prozess länger dauert, und um den Rapport zu erhalten, kann es sinnvoll sein, die einzelnen Phänomene suggestiv und explizit aufzuzählen oder zu kommentieren.)


3. Lidschluss und Lösen der Faust

Bei den ersten Ermüdungszeichen, oder wenn sich nach einer Weile scheinbar nichts tut, wird es sinnvoll, dem Patienten folgende „Erlaubnis“ zu geben: „Sie können wählen, ob sie warten möchten, bis Ihre Augenlider ganz von alleine zufallen… oder ob Sie selber beschliessen wollen, wann Sie die Augen schliessen… weil es zu aufreibend wird.“

Sobald die Augen geschlossen sind (egal ob willentlich oder nicht), laden wir den Patienten ein, einen tiefen Atemzug zu machen, zusammen mit dem Ausatmen die Faust zu lösen und den Arm in eine bequeme Lage sinken zu lassen.

(Es gibt wohl kaum etwas Paradoxeres und Kontraproduktiveres als die Erwartung oder gar der Druck, etwas müsse unbedingt spontan stattfinden. Menschen, die es besonders gut machen wollen, bringen sich oft bei der Augenfixation in die Zwickmühle, dass Sie von sich erwarten, ihre Augen müssten ohne jegliches Zutun, wie durch Zauber, zufallen. Sie geben sich so eine unsägliche Mühe, etwas Unmögliches zu tun. Unser einfacher Hinweis, dass sie auch absichtlich aufhören können, erlöst sie von diesem sinnlosen Druck. Die hypnoseinduzierende Wirkung wird dadurch nicht geschmälert.)


4. Die Wahrnehmung wandelt sich: Die «ordnenden Kräfte»

Nun liegen die beiden Hände – in der Regel auf den Oberschenkeln – gelöst und bequem, und auch die Arme können sich endlich entspannen. Doch in der Hand, die sich eben noch zusammenballte, entwickeln sich jetzt Wahrnehmungen, die sich von denen in der schon die ganze Zeit ruhenden Hand deutlich unterscheiden. Es bleibt ein Echo aus der Anspannung der Faust zurück. Genau auf diesen Unterschied lenken wir jetzt die Aufmerksamkeit des Patienten und „prophezeien“, dass sich dieser in Kürze – aus innerer Wirkung – wieder ausgleichen wird. Es kann ja nicht anders sein, als dass dies geschehen muss: „Sie wissen, dass sich in wenigen Minuten beide Hände und beide Arme wieder genau gleich fühlen werden... Hier sind nämlich innere, ordnende Kräfte am Werk… Sie können sie jetzt wahrnehmen… sie bringen jedes Ungleichgewicht im Innern des Organismus wieder ins Gleichgewicht zurück…. Sie können sie jetzt spüren und beobachten… und Sie werden merken: Je weniger Sie sich darum bemühen, dass es geschieht… desto freier können sich diese Kräfte entfalten… und desto einfacher wird dieser Ausgleich ganz von sich aus… gelingen.“

(Dieser Prozess des Ausgleichs braucht im Grunde nur wenige Minuten, die aber dem Patienten lange erscheinen mögen, wenn er sich darauf konzentrieren will. Zudem stört ja seine Aufmerksamkeit – insbesondere, wenn sie gierig Züge annimmt – das Geschehen. Um dies zu vermeiden, lenken wir den Patienten mit den nun folgenden drei autosuggestiven Wörtern ab.)


5. „Ruhe, Zuversicht, Mut“

Drei wichtige Wörter kommen jetzt zum Zuge: «Ruhe – Zuversicht – Mut». Wir sprechen sie ein paar Mal laut aus, langsam, etwa mit jedem Atemzug eines, und dann lassen wir dem Patienten Zeit, sie selber einige Male als Autosuggestionen innerlich zu wiederholen: «Währenddem sich in Ihrem Arm und in Ihrer Hand alles wieder von alleine ausgleicht… schlage ich Ihnen drei hilfreiche Wörter vor…, die Sie einfach auf sich wirken lassen sollen… Ich werde sie zuerst einige Male wiederholen… und werde Sie dann einladen, dasselbe innerlich zu tun… Ruhe... Zuversicht... Mut… Ruhe... Zuversicht... Mut… Jetzt können Sie diese Wörter selber innerlich in Gedanken wiederholen… mehrmals… und einfach wirken lassen…. ohne irgendetwas zu erwarten… oder zu wollen… Ruhe... Zuversicht... Mut… einfach wirken lassen, so etwa wie einen lange erwarteten Regen, der auf eine trockene Erde fällt… und sie befruchtet… (Schweigen…) Die Ruhe ist das, was jetzt in Ihnen entsteht… und aus der Ruhe entsteht Zuversicht… und aus der Zuversicht entsteht Mut… und wer in sich Mut spürt, bleibt im Leben ruhiger... Ruhe… Zuversicht… Mut…»

(Wir sprechen die drei Wörter so lange vor, bis wir den Eindruck gewinnen, dass sie beim Patienten schon fast zum Ohrwurm geworden sind. Nützlich ist, wenn wir sie dabei einzeln, jedes Mal beim gemeinsamen Ausatmen, aussprechen. So kann er dann diesen Rhythmus mühelos für sich übernehmen und weiterführen.)


6.Abschluss: der Anker

An diesem Punkt kann es jetzt in zwei Richtungen weitergehen: Entweder diente der bisherige Ablauf als Induktion für weiterführende hypnotische Interventionen, und dann kann es jetzt in die geplante Richtung weitergehen. Oder er war nur als kurze Ich-stärkende Hypnose oder als Selbsthypnose gedacht, und es endet hier. Als Abschluss schlagen wir dann folgendes Vorgehen vor:

Wir laden den Patienten jetzt ein, dieselbe Faust, die er sich anfänglich vor das Gesicht geholt hatte, wieder zu schliessen (Es kann auch spannend sein, ihm vorzuschlagen, neugierig nur diese Faust zu beobachten, ob sie sich vielleicht sogar durch eigene Vorstellung von selbst wieder schliessen liesse). Gleichzeitig soll er die drei Wörter «Ruhe – Zuversicht – Mut» gedanklich in seine Faust einschliessen und sie dort gedanklich so fest und so lange fest einpacken, bis er fühlt, dass sie sich mit der Faust zu einem soliden Anker verschmilzt.

Als eine Art posthypnotischen Auftrags empfehlen wir ihm, diese Faust später im Alltag immer wieder nach Belieben in Alltagssituationen als Anker zu schliessen, wenn er das Bedürfnis verspürt, die jetzt gefundene Gelassenheit wieder aufleben zu lassen – bei Rauchern beispielsweise, wenn sich der Verführer von innen wieder meldet. Je häufiger er diesen Reflex einsetzt, umso mehr wird der Anker an Kraft gewinnen.

Fühlt sich schliesslich der Patient bereit, die Hypnose zu beenden, laden wir ihn ein, auch die andere Faust zu schliessen. Dann soll er beide Fäuste einige Male öffnen und wieder fest schliessen, sich dann strecken und räkeln, um sich zu aktivieren, und schlussendlich auf seine ganz eigene Art in den normalen Wachzustand zurückkehren.

Jetzt ein paar Anmerkungen

- Die Faust hat eine eigene Bedeutung

Immer wenn wir mit der Faust auf den Tisch klopfen – muss ja nicht jeden Tag sein – bedeutet es eigentlich, dass wir aus einer unterlegenen Situation wieder Oberwasser gewinnen wollen. Der Schlag mit der Faust auf den Tisch kündigt eine Aufwärtskraft an und setzt ein Zeichen von Durchsetzungswillen. Er steht also allgemein für Ich-Stärke.

Dazu kommt: Faust ist nicht immer gleich Faust. Die lautstark auf den Tisch knallende Faust teilt nicht dasselbe mit wie eine drohend vor dem Gesicht des Gegenübers entgegengestreckte Faust, auch nicht dasselbe wie diejenige, die verstohlen und dick hinter den Ohren steckt und wirkt, oder diejenige, die sich rebellisch aber hilflos im Sack versteckt. Immer, wo sich eine Hand zur Faust schliesst, steckt eine Energie drin, die die eigene Person schützen oder verwirklichen will. Diese simple Geste dürfte wohl in der gesamten Menschheit, universell und kulturübergreifend, in unterschiedlichen Ausgestaltungen immer Formen von Ich-Stärke darstellen.

Wenn nun jemand, wie in dieser Selbsthypnosetechnik, seine Faust vor sein eigenes Gesicht stellt und den Blick darauf fixiert, hält er sich im Grunde, ohne es bewusst zu merken, sein eigenes Durchsetzungsvermögen – ganz wörtlich – vor Augen.


In dieser Selbsthypnosetechnik setzen wir die Faust zweimal ein:

Beim ersten Mal ist der Einsatz vornehmlich explorativ gedacht. Damit ist gemeint, dass unsere Frage, mit welcher Faust der Patient auf den Tisch klopft, nicht auf eine kognitive Antwort vom Typ «rechts» oder «links» abzielt. Vielmehr beobachten wir gespannt das «Wie» seiner Reaktion. Donnert er die geballte Faust sofort auf die Armlehne, um es mir zu zeigen? Oder stammelt er erschreckt: „Ich klopfe doch nie auf einen Tisch?!“? Oder betrachtet er nacheinander seine beiden Hände, und haucht schliesslich ein dünnes „Ich weiss nicht…“? Egal, welche Reaktion er zeigt, er zeigt etwas von sich, er offenbart etwas von seiner Persönlichkeit, von seinem Innenleben, von seiner Lebensgeschichte.

Dieses beobachtbare Verhalten teilt nicht nur dem Hypnosetherapeuten etwas Wertvolles mit. Auch wenn jemand diese Methode für sich als Selbsthypnose übt, ist es fruchtbar, sich jedes Mal explorativ die Frage zu stellen: «Wie fühlt sich gerade jetzt das Zusammenballen meiner Faust stimmungsmässig an?». Diese Frage kann Feinheiten der momentanen Befindlichkeit aufdecken.

Der zweite Faustschluss, beim Beenden der Hypnose, schliesst nicht nur ästhetisch einen Kreis in der Methode, er installiert vor allem einen Anker für spätere Situationen. Die Faust als Anker ist geradezu ideal: Sie lässt im Menschen automatisch, über die Körperwahrnehmung, ein Gefühl von Ich-Stärke anklingen. Für sich alleine schon wirkt sie als averbale Suggestion von Ich-Stärke. Sie lässt sich auch praktisch in jeder beliebigen Lebenssituation einsetzen – sogar heimlich in der Hosentasche, wenn es nicht gesehen werden soll, inspiriert von der «Faust im Sack» – aber mit einem anderen Beiklang.

Diesen Anker «tunen» wir noch zusätzlich mit der Kraft der drei Gelassenheitswörter «Ruhe-Zuversicht-Mut», was ihm noch mehr Wirksamkeit verleiht.


- Die Faust hat auch eine physiologische Wirkung

Zuerst anspannen, dann nach einer Weile loslassen und alles genau beobachten: Dies erinnert natürlich an die «Progressive Muskelrelaxation» nach Edmund Jacobson, ein altbekanntes Entspannungsverfahren, das genau auf dieser Alternanz aufbaut. Allein das bewusste Anspannen und Lösen von Muskeln lockert Verspannungen auf natürliche und physiologische Weise. Die Faust, die wir in dieser Selbsthypnosetechnik vor dem Gesicht angespannt halten und dann lösen, baut also unauffällig und nebenbei auch einen „Jacobson-Effekt“ mit ein.


- Zur Augenfixation

Jede Augenfixation führt automatisch zu Ermüdung, nicht nur der Augen und des Blicks: Es entwickelt sich eine allgemeine Mattigkeit. Diese ist darauf zurückzuführen, dass eine Bewegungslosigkeit der Augenbulbi zu einem Ausfallen wichtiger Weckreize an das sogenannte «Aufsteigende Retikuläre Aktivierungssystem» (Formatio reticularis) führt. Wir kennen dies Alle, wenn wir in Laufe eines langweiligen Vortrags beginnen, im Raum herumzuschauen, um uns wachzuhalten. Dabei geht es nicht um den Informationswert dessen, was wir sehen, sondern allein um das wieder Aufstarten von Augenbewegungen. Ermüdung und sinkende Vigilanz sind also bei der hypnotischen Augenfixation, rein neurobiologisch, auf das Stilllegen der Augenbewegungen zurückzuführen, und nicht auf eine Wirkung von Suggestionen.

Aus diesem Grund macht es Sinn, den Patienten zu unterstützen, nicht mit Anstrengung den Punkt zu fixieren, sondern sich vielmehr neugierig für die Phänomene des Ermüdungsprozesses zu interessieren: Trübung des Blicks, vermehrtes Augenwasser, Blinzeln, schläfriger Ausdruck...

Ein weiterer, wichtiger Aspekt der Augenfixation ist die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf den Zielpunkt. Das Festhalten des Blicks auf einen Punkt – besonders wenn es die eigene Faust ist – dämmt das Vagabundieren der Aufmerksamkeit ein und macht diese Selbsthypnosetechnik besonders hilfreich für Menschen, die es mit der Konzentration nicht so einfach haben – sei es allgemein, oder in bestimmten Situationen.

Die Fixierung des Blicks auf die Faust führt auch zu einem anderen, unerwarteten «hypnotischen» Effekt: Anders als wenn der Blick auf einen Punkt ausserhalb des eigenen Körpers fixiert wird, hat dieses Starren eine kaum erklärbare Wirkung auch auf die Wahrnehmung in der angestarrten Hand. Diese verändert sich auf merkwürdige Weise und betont den «hypnotischen» Charakter des Blicks.


- Die Augenlider fallen von selbst …??

Erlebt jemand in seiner Wahrnehmung das Fallen der Augenlider als völlig unwillkürlich und selbsttätig – so als geschähe es durch Zauberhand – dann ist der Effekt natürlich eindrücklich und unzweifelhaft: «Das ist Hypnose!». Für Situationen, wie beispielsweise beim Zahnarzt oder vor einer Narkose, in denen eine Hypnose möglichst schnell und ohne Wenn und Aber eintreten soll, mag diese «Magie» zweckdienlich sein, um das Gottvertrauen zu fördern und die befürchtete Behandlung vergessen zu machen.

Psychotherapeutisch gesehen ist ein solches Ereignis aber nicht sehr ertragreich. Es ermöglicht bestenfalls die erlebte Einsicht, dass nicht alles im Innenleben Wirkung von bewussten Entscheidungen ist – falls diese Einsicht nötig war (genau dieselbe Erkenntnis hat man in der Regel schon längst entdeckt, abends im Bett, wenn einem die Augen über einem Buch zugefallen sind).

Schön also, wenn diese Überraschung – der völlig unwillkürliche Augenschluss – von innen heraus geschieht. Aber er birgt die Gefahr, dass sie vom Patienten als «Must» erwartet wird. Dadurch entsteht ein unnötiges Risiko, dass daraus ein Spontaneitätsdruck entsteht. Dieser wirkt nur kontraproduktiv. Genau diesen Nachteil umgehen wir, wenn wir explizit die Freiheit formulieren, dass der Patient, wenn er will, bewusst die Entscheidung treffen darf, aufzugeben und die Augen selber zu schliessen.

Zudem ist es viel fruchtbarer, neugierig die vielfältigen Phänomene zu entdecken, die mit dem Ermüden der Augen einhergehen. Auch wenn das «Magische» hierbei fehlen mag, der Übende entdeckt dafür innere Mechanismen und Wahrnehmungen, die ihm bisher wohl kaum vertraut waren, und die er dann für künftige Selbsthypnosen nutzen kann. Er lernt auch, sich und ein Stück seines vegetativen Lebens besser zu kennen.

Der angehobene Arm mit der Faust vor dem Gesicht und mit seiner zunehmenden Ermüdung liefert zudem starke Argumente, um die Augen nicht unendlich lange offen zu halten …


- Zu den «ordnenden Kräften»

Sind einmal beide Hände mehr oder weniger symmetrisch auf den Oberschenkeln niedergelassen, zeichnet sich sofort ein interessanter Unterschied der Empfindung in beiden Händen ab. Dieser an sich banale, physiologische Unterschied ist Folge der vorausgegangenen muskulären Anstrengung und bleibt in aller Regel unbeachtet, so dass es nötig ist, die Aufmerksamkeit bewusst darauf zu richten.

Und gleich geschieht auch etwas Anderes, ebenso Interessantes wie Selbstverständliches, das sonst ebenso unbemerkt hingenommen wird: Binnen weniger Augenblicke wird sich das Ungleichgewicht von selbst ausgeglichen haben. Es müssen also innere, ausgleichende Kräfte vorhanden und am Werk sein, welche diese Korrektur – wiederum wie von Zauberhand – bewerkstelligen. Ich ziehe dafür den Ausdruck «ordnende Kräfte» den etwas abgedroschen wirkenden Bezeichnungen wie «Selbstheilungskräfte», «Naturkräfte» vor.

Diese Beobachtungszeit bietet sich jetzt als wunderbare Gelegenheit an, diese «ordnenden Kräfte» nicht nur als abstrakte, theoretische Konzepte zu glauben, sondern sie wirklich und leibhaftig spürbar zu erleben. Eine Art «Anschauungsunterricht», in dem der Übende jede Sekunde wahrnehmend verfolgen kann, wie dieser Ausgleich tatsächlich stattfindet.

In diesem Vorgehen versteckt sich auch eine sehr nützliche, indirekte, implizite Suggestion, die wir nach Bedarf ohne Weiteres explizit machen dürfen: Diese «ordnenden Kräfte» beziehen sich natürlich nicht nur auf die aktuelle Situation einer abklingenden Wahrnehmung in der Hand. Sie wirken überall, wo im Organismus Ungleichgewicht entstanden ist, in Richtung des Gleichgewichts zurück, ebenso bei Verletzungen oder Krankheiten wie bei seelischen Problemen. Diese Anspielung auf die allgemeine Resilienz verstärkt natürlich das allgemeine Vertrauen in die eigene Innenwelt.

Schliesslich weisen wir den Patienten indirekt noch auf ein natürliches Phänomen hin, dass nämlich Probleme sich häufig besser lösen lassen, wenn wir die Resilienz – manchmal sogar auch nur die Zeit – möglichst ungestört wirken lassen… einfach fein umgehen und nicht angestrengt würgen (s.a. Texte 24 und 25 «Verdauungsmetapher»).


- „Ruhe, Zuversicht, Mut“

Schon bei meinen ersten Schritten in der Hypnose hatte ich das Glück, diese drei Wörter von einem hochgeschätzten Lehrer, George Fairfull Smith, kennenzulernen. Er war Schotte und seine drei Wörter hiessen dementsprechend im Original «Calmness… Confidence… Courrrage…» (und vielleicht hören Sie dabei auch seinen unnachahmbaren Glasgower Akzent). Kurz, drei mit „C“ beginnende Wörter, leicht zu merken, und gleichzeitig eine Spirale, die mit der Zeit wie ein Ohrwurm immer tiefer in die Gelassenheit zieht.

Die drei Wörter «Ruhe-Zuversicht-Mut» schliessen zusammen einen wunderbaren Kreis um und in den Gleichmut. So erkläre ich es auch dem Patienten: Zuversicht ist nicht Kind einer Anstrengung, sondern der Ruhe, wie auch der Mut nicht dadurch entsteht, dass man sich darum bemüht, sondern dass man sich durch Zuversicht leiten lässt. Und die Ruhe ist Wissen im Hintergrund, dass der Mut einen nicht im Stich lassen wird.

Diese drei Wörter zuerst in einem monotonen, Mantra-artigen Rhythmus zu hören, sie dann sich selber in derselben Weise vorzusagen, lässt einen in eine Passivität sinken, in der sie dann ungehindert stärkend und befruchtend wirken können. Und so nimmt auch die Tiefe der Selbsthypnose von alleine zu.


- Power-Anker

Grundsätzlich ist es immer vorteilhaft, einen Zustand von Gelassenheit und Ich-Stärke, der in Hypnose erreicht wurde, über einen Anker auch für den Alltag bereitzustellen. Dies erleichtert einerseits einen Trainingseffekt und verleiht implizit auch mehr Selbstsicherheit, weil man dann weiss, dass man jederzeit zur Beruhigung auf etwas Eigenes zurückgreifen kann.

Unter allen Varianten von Ankern ist in meinen Augen die Faust die genialste und kraftvollste, weil sie – wie wir sahen – auch ohne jegliche verbale Suggestion für sich wirkt. Zusätzlich mit den drei suggestiven Anker-Wörtern bespickt – wie in dieser Methode – kommt ihre stärkende Kraft zu voller Entfaltung.


- Zusammenfassend

Hier nochmals eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten Faktoren, die bei dieser Selbsthypnosetechnik hypnotisch oder therapeutisch zusammenwirken:

1. Die Faust wirkt als Symbol von Ich-Stärke

2. Die Faust verändert physiologisch die Wahrnehmung in der Hand und führt zu Entspannung: Der Jacobson-Effekt

3. Die Augenfixation führt zu allgemeiner Ermüdung

4. Die Augenfixation fokussiert die vagabundierende Aufmerksamkeit

5. Der Augenschluss darf aber muss nicht unwillkürlich sein: die Freiheit, nicht zu müssen

6. Die Ermüdung des Arms unterstützt das Bedürfnis loszulassen

7. Der Ausgleich des Unterschieds in den Händen macht Resilienz spürbar

8. Die Resilienz wird implizit verallgemeinert

9. Die wunderbaren drei Wörter «Ruhe-Zuversicht-Mut»

10. Die Faust: der natürlichste Anker

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